{"id":46,"date":"2012-01-25T22:46:10","date_gmt":"2012-01-25T22:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost:8888\/?page_id=46"},"modified":"2023-09-10T15:01:00","modified_gmt":"2023-09-10T13:01:00","slug":"hugo-pratt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/cortomaltese.com\/de\/hugo-pratt\/","title":{"rendered":"Hugo Pratt"},"content":{"rendered":"

Hugo Pratt<\/h1>\n

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Der Autor Hugo Pratt zeichnete alle seine Geschichten in seinem unverwechselbaren Stil und erforschte darin mit seinen Figuren das ganze Universum des Reisens \u00fcber physische und spirituelle Grenzen hinaus.<\/strong><\/p>\n

In kraftvollen Schwarz-Wei\u00df-Bildern und zarten Aquarellen schuf er Corto Maltese, Banshee, Ko\u00efnsky oder Shanghai Li und erz\u00e4hlte von unseren Sehns\u00fcchten nach fernen Schatzinseln in einer grenzenlosen, freieren Welt, in der das Leben lebenswert ist und Tr\u00e4ume wahr werden k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div><\/div>

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\"Hugo<\/span><\/div><\/div><\/div>
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H<\/span>ier folgt eine Biografie des Venezianers und Weltb\u00fcrgers, der 1927<\/strong><\/span>\u00a0in Rimini geboren ist.
\nDie Anf\u00e4nge stellen bereits eine Verhei\u00dfung des Kommenden dar. Der Gro\u00dfvater hat englische und franz\u00f6sische Wurzeln und ist in Venedig aufgewachsen, die Gro\u00dfmutter stammt aus der T\u00fcrkei. Die anderen Gro\u00dfeltern? Ein sephardischer Jude, eingewandert aus Spanien, ein in Venedig ber\u00fchmter Dichter und Fu\u00dfpfleger zwischen allen Fronten, ein wahrhaft besonderer Mensch.
\nVon diesem Gro\u00dfvater, dem H\u00fchneraugenspezialist und Dichter, erhielt Pratt ein gro\u00dfes Erbe: seine Liebe zur Poesie.<\/p>\n

\u201eWas mich am meisten bewegt ist die Poesie, denn die Poesie ist konzentriert und vermittelt sich \u00fcber das Imagin\u00e4re. Wenn ich lese, entstehen vor meinem Auge automatisch Bilder. Man sp\u00fcrt, dass sich hinter jeder Dichtung eine weitere Ebene verbirgt, und beim Comic ist es wie in der Poesie, denn auch hier begegnen und vermischen sich zwei Ebenen, zwei bedeutungstragende Codes: das Universum des Bilder und die Welt der W\u00f6rter.\u201c<\/em><\/p>\n

Interview mit Hugo Pratt, Tandem, Dezember 1989<\/h5>\n<\/div>
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I<\/span>n dieser besonderen Familie spielt die Gro\u00dfmutter eine bedeutende Rolle. Sie nahm ihn mit ins Kino, wo sie Abenteuerfilme sahen, und zu Haus sagte sie dann zu ihm: “So, Hugo, und nun zeichne das, was du gesehen hast.” Zum Lohn gab es Kakao und Kekse in Gesellschaft ihrer Freundinnen und der Tanten – ein buntes weibliches Universum. <\/span>
\nDie Mutter Evelina hegte eine Leidenschaft f\u00fcr das Kartenlegen, vor allem f\u00fcr Tarot. Sie las ihren Freundinnen und Kundinnen die Zukunft, und es waren so viele, dass daraus eine Art Beruf wurde. Aber in Hugos Ausbildung gab es nicht nur Kino und Karten, sondern auch die Oper.<\/span>
\nMit sieben Jahren nahm ihn eine Tante, die Theaterschauspielerin war, ins Fenice mit, wo man Wagners Ring des Nibelungen h\u00f6rte. So entdeckte der Junge die Welt der germanischen G\u00f6tter, w\u00e4hrend die Tante ihm zugleich die Geheimnisse der Kabbala nahebrachte.<\/span>
\nKarten, Tarot, Kino, Oper, die Gesellschaft von Frauen, die Welt der Mythologie und Fantasie, das wechselhafte, feuchte Klima in Venedig sind in allen Werken Hugo Pratts gegenw\u00e4rtig<\/span>
\n Und nun stellt euch vor, wie es auf den Zehnj\u00e4hrigen wirkt, wenn sein Vater – ein Offizier der italienischen Kolonialstreitkr\u00e4fte – nach Abessinien, dem heutigen \u00c4thiopien, versetzt wird.<\/span><\/p>\n

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<\/div>\n Von 1937 bis 1943<\/strong><\/span>, entdeckt der heranwachsende Hugo Pratt Afrika, den Faschismus, den Krieg, die Divisionen vieler Heere, M\u00e4dchen – gleichaltrige wei\u00dfe und strahlende, schlanke somalische und \u00e4thiopische Frauen. Er schlie\u00dft Freundschaften mit englischen Soldaten und der lokalen Truppe, er entdeckt die W\u00fcste, die Stille, den Schrei der Hy\u00e4ne. Er erlebt seine erste Liebe und er verliert den Vater. Der wird von britischen Soldaten verhaftet und in ein Gefangenenlager gebracht, von wo er nie zur\u00fcckkehren wird. Doch dem Sohn gegen\u00fcber wird ihm eine letzte Geste zum Abschied gew\u00e4hrt. Er bittet die Milit\u00e4rs, noch einmal zur\u00fcck nach Haus zu d\u00fcrfen, wo er ein Buch aus dem Schrank nimmt und es seinem Sohn schenkt. Es ist die Schatzinsel von Stevenson. Dazu die Worte: \u201eSieh zu, dass du auch eines Tages deine Schatzinsel findest”.<\/span>
\nZur\u00fcck in Venedig und nach dem Ende des Kriegs – was kann eine Junge wie Hugo Pratt schon mit sich anfangen?<\/span>
\nLeidenschaftlich widmet er sich dem Zeichnen, er hat den Kopf voller Bilder und das Herz voller Geschichten, die es zu erz\u00e4hlen gilt. Mit ein paar Freunden gr\u00fcndet er eine Zeitschrift, die von der gro\u00dfen Begeisterung f\u00fcr die gro\u00dfen amerikanischen Comiczeichner zeugt, allen voran Milton Caniff. Es ist die Geburt von Asso di picche \u2013 Pik As \u2013, eine Hommage an den phantomartigen R\u00e4cher in gelben Strumpfhosen. Aber etwas fehlt, trotz Schreiben und Zeichnen, um das lustige Treiben in Venedig im Kreis der Freunde, zum Klang der neuen amerikanischen Musik der Nachkriegszeit, vollst\u00e4ndig zu machen\u2026 <\/span>
\nRichtig, das Reisen.<\/span><\/p>\n<\/div>
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K<\/span>ein Problem. Mit 22 f\u00e4hrt Pratt zusammen mit den Freunden vom “Club Venedig” nach Argentinien.
\nMan feiert, man grillt am Pool, man spielt Rugby und Billard und tanzt Tango. Hugo verliebt sich, die Kinder Lucas und Marina kommen. Pr\u00e4gend aber ist die berufliche Begegnung mit Hector Oesterheld, einem sozial engagierten Autor und gro\u00dfen argentinischen Szenaristen. Es sind die Jahre von Sgt. Kirk, diesem Renegaten und Indianerfreund, sowie von Ernie Pike, dem Kriegsreporter, und Ticonderoga, der gro\u00dfen Geschichte der Indianer in Amerika.
\nAls Junge in Venedig hatte Hugo Pratt Indianer gezeichnet und von dem Haus am Campo San Giovanni e Paolo auf als Cowboys verkleidete Freunde Pfeile abgeschossen. Nun schrieb er eine Geschichte mit dem Titel Wheeling \u00fcber eine Grenzregion in Nordamerika. Er versenkte sich mit Herz und Seele in die Figur des Renegaten Simon Girty, er lebte seine Begeisterung f\u00fcr die Legenden und die Welt der Indianer aus.
\nIn dieser Zeit gab es auch den Jazz, die Freundschaft mit Dizzy Gillespie und die Begegnung mit der gro\u00dfen Literatur S\u00fcdamerikas eines Borges, Lugones, Arlt, Dos Passos. Und es gab die Reisen durch Brasilien, Patagonien, Chile, Guatemala, die Karibik.

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<\/div>1963<\/strong><\/span> blockierte die Wirtschaftskrise Argentinien und Pratt musste nach Italien zur\u00fcckkehren. In den 1960er-Jahren sollte er noch mehrmals nach Argentinien reisen und dort zwei weitere Kinder bekommen, Silvina und Jonas. In der Heimat fand er Arbeit als Illustrator f\u00fcr Fortsetzungsserien bei dem legend\u00e4ren Corriere dei Piccoli. Zugleich erlebte er die Frustration, das Fehlen des freien Blicks und der grenzenlosen Weiten Argentiniens. Im Gegenzug aber gab es die wichtige Begegnung mit Florenzo Ivaldi, dem Unternehmer aus Genua, der Hugo Pratts Fantasien und seinem Zeichenstift unbegrenzten Raum bot. Die Zeitschrift Sgt. Kirk wurde geboren – ein Schl\u00fcsselmoment f\u00fcr Hugo Pratts Werk, denn 1967 sollte hier die Geburt einer Figur stattfinden, die ihn ber\u00fchmt machen w\u00fcrde: Corto Maltese<\/span><\/strong><\/p>\n<\/div>
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W<\/span>enn ein K\u00fcnstler wie Hugo Pratt mit einem solch filmreifen Leben und den entsprechenden Erfahrungen mit vierzig Jahren die Freiheit bekommt, nach Belieben etwas zu schaffen, ohne an Vertr\u00e4ge zu denken, ohne verlegerische Strategien oder Zw\u00e4nge – dann kommt dabei ein Meisterwerk heraus: S\u00fcdseeballade<\/strong> Der Comic, der als erster das Pr\u00e4dikat “gezeichnete Literatur” erhielt und dessen Held zur Kultfigur wurde f\u00fcr Leser, die das Meer, Palmen und Piraten lieben, vor allem aber die Freiheit.<\/p>\n

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<\/div> Mit Corto Maltese wurde Pratt ber\u00fchmt. Er zog nach Paris und arbeitete f\u00fcr das Magazin PIF. Damit war Corto ein Serienheld in einer Zeitschrift mit Millionenauflage. In 25 Jahren erscheinen 29 Geschichten, die den Seemann in praktisch alle Weltgegenden f\u00fchren, \u00fcber Meere, durch W\u00fcsten, Steppen und Dschungel und seinen Sch\u00f6pfer ebenfalls von Afrika nach Kanada, von Apia auf die Osterinseln, um nur einige Orte zu nennen. Und es gibt nicht nur Corto in jenen Jahren, sondern auch die W\u00fcstenskorpione und Jesuit Joe \u2013 um von Nord und S\u00fcd zu sprechen \u2013 sowie Saint-Exup\u00e9ry, der ein letztes Mal in den Himmel von Mu fliegt, Cortos letzte Geschichte, mit der Hugo Pratts Fantasie-Universum zu dem zauberhaften Ort des untergegangenen Kontinents wandert. Ebenso verschwindet 1995<\/strong><\/span> dessen Autor in der Schweiz, wo er seit 1984 lebte.
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<\/div> Doch Pratt ist nicht verschwunden, denn er befl\u00fcgelt weiterhin Tr\u00e4ume und Geschichten. Man muss nur einmal seine Aquarelle in den wichtigsten Museen der Welt gesehen, seine fr\u00fchen Erz\u00e4hlungen genauso wie seine letzten gelesen oder die kraftvollen Schwarz-Wei\u00df-Zeichnungen betrachtet haben, um die Poesie zu sp\u00fcren, die in den abenteuerlichen Reisen von Corto steckt. Auf Cortos Stationen wird man zwar nicht Hugo Pratt treffen, aber ein St\u00fcck jener Sch\u00e4tze, den er auf diesem Weg mit seinen Bildern, seine Tr\u00e4umen und Wolken ausges\u00e4t hat.<\/p>\n

Marco Steiner<\/em><\/p>\n<\/div>

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